ROCKS

Befreiend primitiv

Auf dem Konzertmitschnitt Live Power entfaltet die Hamburger Combo The Blue Poets um Meistergitarrist Marcus Deml die volle Kraft, die ihr Bluesrock schon auf dem Studiodebüt von 2016 versprach. Marcus Deml ist ein Unruhegeist. Der kreative Kopf der Blue Poets wählt seine Aussagen ins Gespräch wohlüberlegt, eilt aber gleichzeitig mit blitzartiger Geschwindigkeit von einer Idee zur nächsten. Dabei wechselt er sogar zwischen Deutsch und Englisch. Als Gitarrist hat er oft unter Beweis gestellt, dass er aus dem Stand Tempo auf-nehmen kann. Selbst seine Mimik lässt die rasende Flut der Gedanken und Emotionen sichtbar werden, die beim Musizieren seine Innenwelt erfüllen: Sein durchaus amüsantes Mienenspiel passt zu einem Menschen, der Humor schätzt und vor Selbstironie nicht zurückschreckt. Seine extrovertierte Haltung eckt aber auch an. »Viele Leute finden mich zum Kotzen. Das sei ihnen gegönnt«, erklärt Deml nüchtern. »Wenn ich ein neues You-Tube-Video poste, ist der erste Daumen nach unten schon nach ein paar Sekunden da. Ich habe mir also genug Hasser erarbeitet.« Dabei gibt es keine Zweifel an seinem Können auf den sechs Saiten. Der in Prag geborene Weltenbummler, der lange Zeit in den USA lebte, gilt als exzellenter Techniker - ein Ruf, den er sich vor allem in knapp zwei Jahrzehnten als Chef von Errorhead verdiente. »Errorhead fing als geisteskrankes Instrumentalprojekt an«, sagt er heute über die experimentierfreudige Formation, die es zwischen 1995 und 2014 auf sechs Alben brachte. Auf den späteren, im Vergleich geradezu erdigen Platten der Band schimmerte der Blues in seinem Spiel zwar zunehmend durch. »Doch Errorhead hatten immer den Anspruch, ein bisschen verrückt zu klingen.« Mit anderen Worten: Ideen, die sich zu sehr an klassischen Rock- oder Blues-Schemen orientierten, wurden über Bord geworfen, nicht zuletzt von Deml selbst, der sich wenig schmeichelhaft als »Perfektionsnazi« bezeichnet.

Nach 19 Jahren mit Errorhead stand er Ende 2014 jedoch an einem Scheideweg: »Ich war kaputt, mein Vater lag im Sterben, ich hatte ein großes Minus in der Kasse. Da habe ich mich in mein Studio gesetzt und angefangen, einfachere Sachen zu schreiben.« Diese Erfahrung markierte die Geburtsstunde von The Blue Poets, die knapp zwei Jahre später pünktlich zum Erscheinen des selbst betitelten Debütalbums ihre ersten Gigs spielten. Von Beginn an dabei war Sänger Gordon Grey, ein Australier mit Reibeisenstirnme. Eine feste Rhythmusabteilung bildete sich erst kurz vor diesen Konzerten im Herbst 2016 mit Bassist Phil Steen und Schlagzeuger Felix Dehmel heraus. Der große Unterschied bei den Blue Poets liegt für den Gitarristen darin, sich keinen Zwängen zu unterwerfen. »Ich hatte einfach Lust zu rocken wie auf den alten Alben von Rory Gallagher und Gary Moore, die ich mit 15 gehört habe und immer noch nach einem Glas Wein laut aufdrehe«, sagt Deml. »Wenn mir etwas wie ein Klischee vorkommt, mir aber gefällt, nehme ich es trotzdem auf! Es ist eine Befreiung, so primitiv zu sein.« Das hört man auf der Bühne: Der aktuelle Livemitschnitt Live Power kommt nach nur einer einzigen Studioplatte zwar überraschend, verdeutlicht aber noch mehr als diese Demls neuentdeckten Wunsch nach einem rohen, unmittelbaren Sound. »Die Songs vom Debüt haben sich so entwickelt, dass ich mir gedacht habe: Egal, was die Leute davon halten, ich finde diese Aufnahmen geil.« Zudem waren es vor allem Live-Klassiker, die Deml in den späten Siebzigern dazu brachten, zur Gitarre zu greifen. »Es wäre vermessen zu behaupten, dass wir mit diesen Aufnahmen schon da sind, wo Rory Gallagher auf Irish Tour 74 oder Deep Purple zu Zeiten von Made In Japan waren«, räumt er ein. »Aber ich bin stolz drauf.«

VINCENT ABBATE - ROCKS